Renato

Ich hoffe wir lernen durch diese Ausnahmesituation, unsere Freiheiten wieder mehr zu schätzen

Ein Meinungsbeitrag von Austauschstudent Renato

Renommierte Uni, gutes Bier, Grachten, Tulpen, Windmühlen: so hat sich Renato sein Austauschsemester in den Niederlanden vorgestellt. Nun, es kam anders. Dafür hat er jetzt Zeit für ein paar Gedanken: Zu unseren Freiheiten, Europa, und der Schweiz.

Als die Schweiz Anfang März die ersten Corona-Fälle registrierte und bald darauf das öffentliche Leben drastisch einschränkte, waren die Bars und Coffeeshops in Utrecht noch voll. Ich glaubte sogar, die Niederlande wird es wohl nicht so hart treffen (ja, das war naiv). Doch als die Welt nach und nach in den Krisenmodus schaltete, machten auch die Niederlande ernst: Bars und Restaurants wurden geschlossen, Austauschstudierenden wurde geraten, nach Hause zu gehen.

Als Teil der Schweizer Milizarmee wurde mir der Ernst der Lage in der Schweiz so richtig klar, als  Viola Amherd die Teilmobilmachung der Armee ausrief. Oha. Ich dachte an den Zweiten Weltkrieg und vor allem daran, dass ich immer schmunzle im WK, wenn gesagt - oder besser: wenn geschrien wird - “wir sind bereit für Ernstfälle”. Jetzt war es also soweit; innerlich habe ich schon geplant, was ich tun werde, wenn ich dieses SMS vom Militär erhalte. Doch ich wurde kurz nach der PK mit Amherd von meinem Kommandanten informiert, dass man meine Funktion in diesem Fall “nicht gebrauchen könne”. Story of my life.

Ich konnte mich also wieder auf die Uni fokussieren (die mittlerweilen auch auf online umgestellt hatte) und habe mich mit meinen Mitstudentinnen und Mitstudenten über unsere Länder unterhalten: In Osteuropa nutzen Autokraten die Krise um den Rechtsstaat noch mehr auszuhöhlen; meine Mitbewohnerin aus Italien zeigt mir seit Monaten die Balkongesänge aus ihrer Heimat; Deutschland verfolgt ähnliche Ansätze wie die Schweiz; einer Mitstudentin aus Norwegen  wurde von ihrer Heimatuni und der Regierung quasi befohlen, heimzureisen; während die schwedischen Nachbarn bis heute Bars und Restaurants geöffnet haben.

Und wie schlug sich die Schweiz bisher? Dazu gibt es natürlich so viele Meinungen wie Menschen – doch ich finde, dass unser teils doch sehr behagliches Land die Krise bisher gut meistert. Während beispielsweise der französische Präsident Macron die Kriegsrhetorik auspackte, standen - mit beinahe stoischem Pragmatismus – Daniel Koch & Co Rede und Antwort. Unser System basiert auf Selbstverantwortung und Solidarität – das fordert der Bundesrat nun ein.

Wenn ich die Reaktionen aus meinem Schweizer Umfeld so “von Aussen” betrachte, habe ich den Eindruck, dass viele Schweizerinnen und Schweizer zwar ihren verlorenen Freiheiten nachtrauern, ohne aber die Massnahmen der Regierung zu missachten.

Diese Situation ist zweifelsohne historisch, ganz besonders für meine Generation: Wir wurden im Glauben erzogen, unsere Freiheiten seien in Stein gemeisselt und unendlich, unsere Möglichkeiten unbegrenzt. Corona zeigt uns auf, wie verletzlich unsere Gesellschaften trotz allem sind. Ich hoffe, wir lernen durch diese Ausnahmesituation, unsere Freiheiten wieder mehr zu schätzen und uns für sie einzusetzen - an der Urne, am Stammtisch, an politischen Veranstaltungen.

Ich werde dies insbesondere weiter tun, wenn es um die europäische Zusammenarbeit geht – mit der Schweiz mittendrin. Denn gerade weil viele europäische Staaten in dieser Krise zurück in nationalstaatliches Denken verfallen, wird die Wichtigkeit europäischer Zusammenarbeit augenscheinlich. Europa wird, will und muss aus dieser Krise lernen - und die Schweiz, so finde ich, muss sich in diesen Prozess aktiv einbringen.

Man mag das als blinden Optimismus abtun, doch ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir die Erkenntnisse dieser Krise – mit einer Prise Idealismus und Aktivismus – in Fortschritt ummünzen können.

Renato Perlini ist Co-Präsident der Operation Libero Sektion Bern, temporärer Auslandschweizer, Austauschstudent und Beobachter der aktuellen Lage in der Schweiz und in Europa

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